9. Sind unsere Kompassnadeln von interkulturell auf transkulturell zu justieren?

Erweiterte Kommunikationsmöglichkeiten werfen verstärkt die Frage auf, wie im globalen Kontakt mit differenten Vorstellungen und der Vielfalt kultureller Hintergründe umgegangen werden sollte, um zu zukunftsfähigen Einsichten zu kommen. Angesichts zunehmender Migration und der haltungsbestimmenden Bedeutung kultureller Konzepte stellt sich die Frage, ob unsere kulturellen Kompassnadeln von interkulturell auf transkulturell neu zu justieren sind.

Dazu konstatiert Wolfgang Welsch in seinem Beitrag zum Handlexikon Globales Lernen:[1] „Wenn Bildung im Kern kulturelle Bildung ist, und wenn Kultur heute transkulturell bestimmt ist, dann muss zeitgenössische Bildung transkulturelle Bildung sein.“ Er stellt fest, dass die heutigen Kulturen mit dem von Herder vertretenen Kugelkonzept (in sich geschlossen um einen Schwerpunkt und abstoßend nach außen) nicht angemessen beschrieben werden können. Externe Vernetzung und interne Hybridisierung sowie umfassender Wandel aller Lebensbereiche auf individueller und gesellschaftlicher Ebene sind die Merkmale zeitgenössischer Transkulturalität. Bindungen von Kultur an staatliche und territoriale Gebilde verfolgen politische Ziele, erfolgen oft unbewusst und klischeehaft und werden tradiert. Sofern Interkulturalität nicht mehr die Beziehungen weitgehend autonomer und für Außenstehende fremdartiger Kulturen beschreibt, sondern auf die offensichtlichen Mischungen und Verbindungen hinweist, geht sie in das Konzept der Transkulturalität über.

 

Grundvoraussetzung für die erfolgreiche globale Kommunikation scheint (auch durch den Blick in die eigene Biografie) die Erfahrung der eigenen dynamischen Transkulturalität zu sein. Dabei geht es – wie häufig im Globalen Lernen – auch um die Wahrnehmung von Vielfalt und Differenzen, um das Ertragen von Komplexität, Widersprüchen und Ungewissheit und weniger um die Generalisierung des Gemeinsamen.
Da Konzepte geistige Produkte sind, die Zielen dienen, sollten wir uns gegen ein Kulturkonzept der Abgrenzung und für ein Konzept entscheiden, das es leichter macht, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen sowie Unterschiede wertschätzend und ohne reflexartige Abwehrhaltung erkennen lässt. Das darf nicht ausschließen, klare Positionen gegen Rassismus, Formen des Extremismus und gegen Terrorismus auf der Grundlage universeller Menschenrechte zu finden.

 

[1] W. Welsch: Transkulturalität und Bildung. In: Lang-Wojtasik, G. und Klemm, U. (Hrsg.): Handlexikon Globales Lernen, Münster/Ulm 2012