3. Ist die Idee der Nachhaltigkeit bereits zu einer Illusion geworden?

Es gibt begründete Sorgen, die besagen, dass wir uns von dem Ziel der Nachhaltigkeit trotz zahlloser Bemühungen weiter entfernen. Beschleunigungen in der technologischen Entwicklung und auf den Finanzmärkten sowie zunehmender Wettbewerb und wachsender Konsum scheinen das zunichte zu machen, was durch Suffizienz oder zukunftsfähige Lebensformen eingespart wird und Effizienz entpuppt sich allzu oft als nicht nachhaltig. Wer wollte das angesichts der verwirrend komplexen Parameter und Messgrößen nachweisen oder in Frage stellen?

Jemand, der mit verfeinerten wissenschaftlichen Methoden und Computermodellen 40 Jahre nach der Veröffentlichung der Grenzen des Wachstums (1972) dazu etwas zu sagen hat, ist einer der maßgeblichen Autoren dieser Studie, Dennis L. Meadows. Er kommt zu dem Schluss: „für eine echte Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch gibt es keine Belege. Da verschiedene planetarische Grenzen (Tragfähigkeiten) bereits überschritten sind, ist es ein Euphemismus von nachhaltiger Entwicklung zu sprechen.“[1]

Nachhaltigkeit

 

Selbst, wenn vieles für diese Einschätzung spricht, steht das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung nicht auf dem Spiel. Es ist im Globalen Lernen/ in der BNE – anders als in der Politik – nicht ein normativ zu verstehendes Nachhaltigkeitsparadigma im Sinne exakt definierter Leitplanken und Grenzen der Tragfähigkeit. In Bildungsprozessen geht es um ein Leitbild, das mit seinen vier Zieldimensionen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, der sozialen Gerechtigkeit, der ökologischen Verträglichkeit und der demokratischen Politikgestaltung für selbstverantwortetes Urteilen und Handeln Orientierung gibt. Und bei der Orientierung an diesem Leitbild geht es angesichts der Zielkonflikte zwischen den vier Entwicklungsdimensionen und des Kohärenzgebots um die Suche nach zukunftsfähigen Synergien und die Überwindung (oder Minderung) solcher Konflikte vor dem Hintergrund vielfältiger kultureller sowie sozioökonomischer Ausgangslagen und Interessen. Es steht in der Bildung nicht im Vordergrund, wie Nachhaltigkeitsziele in absoluten Maßstäben festzulegen sind, was nicht bedeutet, dass es in Gesellschaft und Politik nicht um das Aushandeln der Grenzen von Nachhaltigkeit (sog. Leitplanken) gehen soll. Es ist der Auftrag an Politik.

Das Kohärenzgebot besagt, dass eine isolierte Zielsetzung wie „wirtschaftliche Nachhaltigkeit“ oder „ökologische Nachhaltigkeit“ ein Widerspruch zu der integrativen Entwicklungsidee wäre. Es macht auch wenig Sinn von dem grundsätzlichen Primat der ein oder anderen Zieldimension zu reden, selbst wenn es in Einzelsituationen sinnvolle zeitlich begrenzte Handlungsprioritäten gibt.

Wenn wir uns eingestehen, dass Nachhaltigkeitszustände, wie sie bisher definiert wurden, möglicherweise nicht erreicht werden können, so bietet das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung für Lernende dennoch grundlegende Orientierung. Zielkonflikte lassen sich auf jeder Handlungsebene nur lösen oder mindern, wenn das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung zum Orientierungsrahmen wird und in der komplexen Wirklichkeit Möglichkeiten des Interessenausgleichs und des zukunftsfähigen Kompromisses gefunden und genutzt werden.

 

[1] Dennis Meadow am 8.12.2012 bei einem Vortag im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg