Monthly Archives: August 2014

4. Von der Wachstumsideologie zu inklusiver Wirtschaft und menschenwürdiger Arbeit?

Eigentlich ist der Gedanke, dass exponentielles wirtschaftliches Wachstum nicht endlos sein kann und Wachstum einem gemeinnützigen Ziel dienen muss, in keiner Weise neu und zudem naheliegend. Beunruhigend ist die allgemeine Distanz zu dieser Selbstverständlichkeit.

Wachstum führe nicht zu Nachhaltigkeit, sondern erhöhe – wie die abnehmende Verfügbarkeit von Rohstoffen und Energieträgern – den Wachstumsdruck, stellt Meadows über 40 Jahre nach der Veröffentlichung der Grenzen des Wachstums fest. Es gehe in einer Zeit, wo die planetarische Tragfähigkeit in verschiedenen Bereichen deutlich überschritten ist, eher darum, den Umweltverbrauch friedlich, gerecht und ohne große Schädigungen zu reduzieren und die Resilienz von Gesellschaften zu erhöhen.

Wie soll man zu einer ökonomischen Wissenschaft stehen, der es fast ausnahmslos darum geht, wie (möglichst schnelles und dauerhaftes) Wachstum erreicht werden kann? Positive Wachstumsraten sind zum kaum noch hinterfragten allgemeinen Wert geworden. Für glaubwürdige Ansätze einer inklusiven Green Economy oder für qualitative Wachstumsstrategien fehlen die – auch von der Bundesregierung für notwendig gehaltenen – allgemein akzeptierten Indikatoren, die eine Zielsetzung und Wahrnehmung überhaupt erst ermöglichen. Immerhin ruft das UN-High-Level Panel zur Vorbereitung der Post-2015 Agenda im dritten seiner fünf Leitideen dazu auf, „nicht mehr auf Wachstum um jeden Preis zu setzen.“ Wachstum soll nach diesen Rahmenvorgaben künftig vielmehr darauf ausgerichtet werden, „dass mehr und gute Arbeitsplätze, insbesondere für Jugendliche entstehen.“[1]

Angesichts einer wieder aufflammenden wachstumskritischen Debatte und ihrer zunehmend stärkeren Verankerung in der Wissenschaft (z.B. Vereinigung für Ökonomische Ökologie) verwundert es, dass die Degrowth oder Décroissance Bewegung noch nicht stärker die BNE-Szene erreicht hat.

Der Schritt vom Wachstumszwang zu qualitativem und selektivem Wachstum erscheint so groß, dass der Glaube fehlt, es könnte dazu eine konkrete Zielvereinbarung in der Post-2015 Agenda geben. Die Herausforderung an das Globale Lernen besteht darin, das scheinbar Ungeheuere wieder breiter ins Gespräch zu bringen und im Orientierungsrahmen der Nachhaltigkeit konsequent danach zu fragen, wie Wachstum zur Zukunftsfähigkeit beitragen kann, d.h. zu sozialer Gerechtigkeit, zu Good Governance und zum Erhalt der Umwelt – wohl wissend, dass es eine solche gezielte Transformation durch einen gesellschaftlichen Lernprozess noch nie gegeben hat.

 

[1] siehe Fußnote 11

3. Ist die Idee der Nachhaltigkeit bereits zu einer Illusion geworden?

Es gibt begründete Sorgen, die besagen, dass wir uns von dem Ziel der Nachhaltigkeit trotz zahlloser Bemühungen weiter entfernen. Beschleunigungen in der technologischen Entwicklung und auf den Finanzmärkten sowie zunehmender Wettbewerb und wachsender Konsum scheinen das zunichte zu machen, was durch Suffizienz oder zukunftsfähige Lebensformen eingespart wird und Effizienz entpuppt sich allzu oft als nicht nachhaltig. Wer wollte das angesichts der verwirrend komplexen Parameter und Messgrößen nachweisen oder in Frage stellen?

Jemand, der mit verfeinerten wissenschaftlichen Methoden und Computermodellen 40 Jahre nach der Veröffentlichung der Grenzen des Wachstums (1972) dazu etwas zu sagen hat, ist einer der maßgeblichen Autoren dieser Studie, Dennis L. Meadows. Er kommt zu dem Schluss: „für eine echte Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch gibt es keine Belege. Da verschiedene planetarische Grenzen (Tragfähigkeiten) bereits überschritten sind, ist es ein Euphemismus von nachhaltiger Entwicklung zu sprechen.“[1]

Nachhaltigkeit

 

Selbst, wenn vieles für diese Einschätzung spricht, steht das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung nicht auf dem Spiel. Es ist im Globalen Lernen/ in der BNE – anders als in der Politik – nicht ein normativ zu verstehendes Nachhaltigkeitsparadigma im Sinne exakt definierter Leitplanken und Grenzen der Tragfähigkeit. In Bildungsprozessen geht es um ein Leitbild, das mit seinen vier Zieldimensionen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, der sozialen Gerechtigkeit, der ökologischen Verträglichkeit und der demokratischen Politikgestaltung für selbstverantwortetes Urteilen und Handeln Orientierung gibt. Und bei der Orientierung an diesem Leitbild geht es angesichts der Zielkonflikte zwischen den vier Entwicklungsdimensionen und des Kohärenzgebots um die Suche nach zukunftsfähigen Synergien und die Überwindung (oder Minderung) solcher Konflikte vor dem Hintergrund vielfältiger kultureller sowie sozioökonomischer Ausgangslagen und Interessen. Es steht in der Bildung nicht im Vordergrund, wie Nachhaltigkeitsziele in absoluten Maßstäben festzulegen sind, was nicht bedeutet, dass es in Gesellschaft und Politik nicht um das Aushandeln der Grenzen von Nachhaltigkeit (sog. Leitplanken) gehen soll. Es ist der Auftrag an Politik.

Das Kohärenzgebot besagt, dass eine isolierte Zielsetzung wie „wirtschaftliche Nachhaltigkeit“ oder „ökologische Nachhaltigkeit“ ein Widerspruch zu der integrativen Entwicklungsidee wäre. Es macht auch wenig Sinn von dem grundsätzlichen Primat der ein oder anderen Zieldimension zu reden, selbst wenn es in Einzelsituationen sinnvolle zeitlich begrenzte Handlungsprioritäten gibt.

Wenn wir uns eingestehen, dass Nachhaltigkeitszustände, wie sie bisher definiert wurden, möglicherweise nicht erreicht werden können, so bietet das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung für Lernende dennoch grundlegende Orientierung. Zielkonflikte lassen sich auf jeder Handlungsebene nur lösen oder mindern, wenn das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung zum Orientierungsrahmen wird und in der komplexen Wirklichkeit Möglichkeiten des Interessenausgleichs und des zukunftsfähigen Kompromisses gefunden und genutzt werden.

 

[1] Dennis Meadow am 8.12.2012 bei einem Vortag im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg

2. Wie kann die Akzeptanz für zukunftsfähige Veränderungsprozesse in der eigenen Gesellschaft erhöht werden – Lehrende und Lernende als „change agents“?

Im Zusammenhang mit den vor uns liegenden Herausforderungen wachsender Ungleichheiten in unserer Gesellschaft, schwerwiegender Umweltveränderungen wie globaler Erwärmung und des oft rücksichtslosen Wettrennens um natürliche Ressourcen sowie einer Kommerzialisierung, die vor nichts Halt macht, einer zunehmenden Zahl an Kriegen, Menschrechtsverletzungen und der Vielzahl erkennbarer Zukunftsgefahren sollte die Akzeptanz zukunftsfähiger Veränderungsprozesse ausgemachte Sache sein – ist sie aber nicht, wie wir wissen!

Wir stehen vor der Herausforderung, zukunftsfähige Veränderungen nicht (nur) in schweren Krisen, auf Grund von Schocks und Katastrophen einzuleiten, sondern weil wir (in der Tradition der Aufklärung) an unsere Lernbereitschaft und Lernfähigkeit glauben. Das schließt Rückschläge und Enttäuschungen als wichtige Erfahrungen im Lernprozess ein.

Bildung erhält in der Post-2015 Agenda zunehmend die Aufgabe der gesellschaftlichen Transformation zugeschrieben. Das ist nur fair und realistisch, wenn dabei nicht nur an schulische Bildung gedacht wird und sich alle in den transformativen Lernprozess einbeziehen. Anstatt eines Expertenkults brauchen wir eine Kultur des Lernens, in der die am meisten überzeugen, die selbstkritisch (und ohne damit zu kokettieren) Fehler eingestehen und Lernfortschritte an sich selber erkennen – auch, oder vielleicht gerade, in Politik und unter Entscheidungsträgern. Lehrerende und Lernende tun nicht das Selbe wohl aber (manchmal) das Gleiche. Jemand, der sich als Lernender an der Komplexität der nahen und fernen Lebenswelt und der Nachhaltigkeit seines Handelns abarbeitet, wird zum change agent einer lebenswerten Zukunft und wird Freude daran haben.

Bei den vielen didaktischen Umsetzungsmöglichkeiten geht es vor allem um die Grundhaltung der kritischen Offenheit, die Perspektivenwechsel und Perspektivenübernahme ermöglicht – aber auch um Empathie und den bewussten Einsatz von Emotionen bei dem, was wir als nachhaltiges Handeln ausgemacht haben.

Der von der UNESCO ins Spiel gebrachte Begriff der change agents für eine zukunftsfähige Entwicklung macht wohl nur Sinn, wenn er für alle gilt und nicht für Vorbilder oder Motivatoren reserviert ist.Wissen führt i.d.R. nicht zu dem im Erkenntnisprozess als notwendig ausgemachten Verhalten – eine heute gut belegte Binsenweisheit. Lebensstile haben sich bei vielen von uns durchaus in Richtung Nachhaltigkeit verändert. Die zukunftsfähigen Erträge werden aber durch Inkonsequenz, wachsenden Konsumdruck, nicht nachvollziehbare Produktions- und Handelsstrategien, rebound Effekte u.v.m. nur allzu oft zunichte gemacht. „Wenn alle sich daran hielten, dann würde ich auch …„ weniger Fleisch essen, weniger fliegen, bewusster einkaufen … Kognitive Akzeptanz braucht die Trendverstärkung. Politik ist zu Änderungen bereit, wenn eine Akzeptanzschwelle überschritten wird – aber wie?

Recent Entries »