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Keine Fixierung auf angebliche Erfolgsgeschichten

Globales Lernen kommt an der Feststellung nicht vorbei, dass die internationale Entwicklung trotz aller Entwicklungserfolge auch eine Geschichte des Scheiterns ist. Armut und Hunger sind zwar vermindert, aber angesichts großer Zunahme des ökonomischen Wachstums noch immer empörend weit verbreitet. Der Klimaschutz wird das 2 Grad Ziel wohl verfehlen, unsere Flüchtlingspolitik ist ein Desaster usw. Wie gehen wir mit diesem Scheitern, insbesondere mit dem Scheitern von global governance um? Globales Lernen muss die Misserfolge aussprechen und bei der Bewältigung helfen, sprich dabei helfen, Resilienz aufzubauen, die trotz der genannten Dissonanzen und Einschränkungen befähigt, weiter nach Antworten auf globale Probleme zu suchen und sich im Bewusstsein relativer Machtlosigkeit Handlungsfähigkeit bewahrt. Eine gemeinsame Verständigung über die Reichweite unserer Möglichkeiten und über unseren Umgang mit der Begrenztheit unseres Einflusses wären wichtige Schritte für den  Aufbau von Resilienz.

Wie kommen wir zu lernenden Institutionen?

Schon lange werden im Bildungsmanagement lernende Einrichtungen gefordert, die sich unter Beteiligung aller betroffenen Akteure in einer Endlosspirale – der Zielbestimmung, Umsetzung und Evaluation – ihre Organisation, Kita, Schule oder Universität und deren Angebote weiterentwickeln. VENRO hat sich mit seinen Mitgliedsorganisationen in den letzten Jahren auf diesen Weg begeben und dabei wichtige Erfahrungen gemacht (s. Kap. 3.9). Das Prinzip der lernenden Institution mit seinen Anforderungen an Offenheit, Beteiligung, Transparenz und Wirkung erfährt durch eine globale Entwicklungsagenda eine Anbindung an die universelle Zielsetzung einer menschenrechtsbasierten nachhaltigen Entwicklung. Jeder ist in seiner unmittelbaren Lebenswelt in zahlreiche zivilgesellschaftliche und staatliche Organisationen und Institutionen eingebunden und kann die Umsetzung dieser Prinzipien dort einfordern und mitgestalten.

Entscheidend für die Wirksamkeit von Institutionen ist die Qualität der internen und externen Kooperation. Auf internationaler Ebene sind diese Formen der Zusammenarbeit weit weniger geregelt als auf nationaler. Sie sind den Herausforderungen einer globalisierten Welt mit grenzüberschreitenden Problemen offensichtlich kaum gewachsen. Dem Verlust an Steuerungsfähigkeit auf nationaler Ebene steht keine entsprechende Dynamik beim Aufbau legitimierter Institutionen auf globaler Ebene gegenüber. Es fehlt an Koordination und Kohärenz. UN-Organisationen geraten häufig in Konkurrenz mit nicht institutionalisierten exklusiven Clubs wie der G7/8 oder G20. Da machtpolitische Alleingänge erkennbar zu keinen nachhaltigen Lösungen schwerwiegender Krisen führen und nur in den seltensten Fällen präventiv wirken, müssen bestehende internationale Institutionen, v.a. die Vereinten Nationen, weiterentwickelt und ihre Kooperationsfähigkeit verbessert werden. Bemühungen um eine Global Governance zur Steuerung globaler Politikprozesse bzw. zur interaktiven Entscheidungsfindung[1] ist in Abwesenheit einer Weltregierung alternativlos und darf nicht der Gestaltung machtpolitischer und kommerzieller Kräfte überlassen werden. Der Verlust an souveräner Steuerungsfähigkeit der Nationalstaaten gegenüber rund 100.000 transnationalen Unternehmen und wenig regulierten internationalen Finanzmärkten ist offenkundig und noch weniger durchschaubar als die zahlreichen, mit dem bestehenden Konfliktinstrumentarium nicht zu verhindernden Kriege und gewalttätigen Konflikte.

Eine realistische Annäherung an diese Herausforderungen erkennt, dass es neben vielen Akteuren, die die Notwendigkeit eines Ausbaus der Global Governance erkennen und unterstützen, auch zahlreiche global player gibt, die sich einem multilateralen Steuerungsmechanismus entziehen und viele Personen, denen das alles angesichts anderer Interessenschwerpunkte ziemlich gleichgültig ist oder die alles für zu kompliziert halten. In allen drei Fällen hat Globales Lernen eine Aufgabe.

Es geht dabei nicht nur um Analyse und nachvollziehendes Lernen. Die Gestaltungsmöglichkeiten der Zivilgesellschaft, der zahllosen im Weltwirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) und anderen UN-Organisationen akkreditierten Umwelt-, Entwicklungs-, Bildungs- und Kulturorganisationen sowie der wissenschaftlichen Netzwerke und Religionsvertretungen sind in den letzten Jahrzenten deutlich gestiegen. Die oft widerständigen Strukturen bedürfen allerdings grundlegender Reformen. Für die Aufwertung des ECOSOC hin zu einer Art Weltsicherheitsrat für wirtschaftliche und soziale Fragen hat es zahlreiche Anläufe gegeben – auch der deutschen Bundesregierung und in Grundsatzprogrammen von SPD und Bündnis 90/ Die Grünen – die aber alle im Sande verlaufen sind. So gilt es aktuelle Vorschläge zu prüfen und ggf. zu verfolgen, wie z.B.
– das von der Stiglitz-Kommission 2009 eingebrachte unabhängige „Panel on Systemic Risks“ als Frühwarnsystem für Finanzkrisen

– oder das auf der Rio+20 Konferenz der Vereinten Nationen 2012 beschlossene „Hochrangige politischen Forum für nachhaltige Entwicklung (HLPF)“ als wirkungsvollere Nachfolgeinstitution für die „Commission on Sustainable Development (CSD)“

– oder einen Weltrat (Global Council), wie er kürzlich durch die EKD empfohlen wurde[2].

Grundsätzlich geht es um die Einsicht und Bereitschaft eines schrittweisen, begrenzten Rechts- und Souveränitätsabtritts zugunsten multilateraler Institutionen und einer lern- und entwicklungsfähigen Global Governance, die dem universellen Ziel einer menschenrechtsbasierten Nachhaltigkeit verpflichtet ist. Die frühere UNDP-Direktorin Inge Kaul spricht von einem Souveränitätsparadox und weist darauf hin, dass Staaten durch einen begrenzten Souveränitätsverzicht und „verantwortungsvolle Souveränität“ nur gewinnen können.[3]

 

[1] Siehe u.a. den Bericht der von den Vereinten Nationen 1995 eingesetzten Governance-Kommission:       Stiftung Entwicklung und Frieden (Hrsg. 1995): Nachbarn in einer Welt, Bonn.

[2] als Aufwertung des ECOSOC und verankert in den Vereinten Nationen analog zum Sicherheitsrat. Durch eine Fusionierung mit der G20 könnte der Global Council Wirksamkeit im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung entfalten und zugleich ein wichtiges Bindeglied zu IWF, Weltbank, WTO und anderen internationalen Organisationen sein.
Siehe: Kirchenamt der EKD(Hrsg. 2014): Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben. Nachhaltige Entwicklung braucht Global Governance; Eine Studie der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung.

[3] I. Kaul u.a., Hertie School of Governance (Hrsg.2013): The Governance Report 2013 http://www.governancereport.org/media/news/das-souveraenitaets-paradox/

12. Global Citizenship – sind wir schon auf dem Weg?

Die Global Education First Initiative[1] des Generalsekretärs der Vereinten Nationen spricht von drei Prioritäten: Every child in school, quality of learning, Global Citizenship:

“It is not enough for education to produce individuals who can read, write and count. Education must be transformative and bring shared values to life. It must cultivate an active care for the world and for those with whom we share it. Education must also be relevant in answering the big questions of the day. Technological solutions, political regulation or financial instruments alone cannot achieve sustainable development. It requires transforming the way people think and act. Education must fully assume its central role in helping people to forge more just, peaceful, tolerant and inclusive societies.”

Das liest sich wie eine programmatische Äußerung zum Globalen Lernen, zur Aufforderung im Horizont einer Weltgesellschaft zu denken und zu handeln. Global Citizenship ist damit zu einem der Grundpfeiler des neuen BNE-Weltaktionsprogramms proklamiert worden. Die notwendige Vision fordert, dass alle Menschen Zugang zu demokratischen Bildungsprozessen haben. Sie fordert die Einheit in der Vielfalt. Gleiche Menschenrechte für alle und Verantwortung gemäß den wirtschaftlichen Möglichkeiten.

Als bloße Forderung, die Identifizierung mit einer Weltgemeinschaft über die lokale oder nationale Identität zu stellen, hätte diese Vision wohl kaum eine Chance. Es geht dabei auch um den Blick nach innen, um den eigenen Bewusstseinswandel. Bürger der Einen Welt wird man nicht über Nacht. Globales Lernen geht aber davon aus, dass man Offenheit und Dialogfähigkeit in komplexen Lebens- und Weltlagen und zukunftsfähiges Handeln lernen kann. Vielleich kann man ja auch multiple Identitäten entwickeln.

 

[1]www.globaleducationfirst.org

11. Globales Lernen als transformatives Konzept in lokalen Bildungslandschaften?

Globales Lernen hat stets den Fokus auf lokal-globale Wechselwirkungen gerichtet und ist dabei im Unterschied zur Umweltbildung und zum Interkulturellen Lernen eher in die Ferne geschweift. Wenn BNE und Globales Lernen den globalen Wandel aufgreifen, muss zur Kenntnis genommen werden, dass Globalisierung auch dazu führt, dass sich Globalität mit seinen Chancen und Risiken zunehmend im Nahraum entfaltet.

Reaktionen darauf zeigen sich zum Beispiel in der Entstehung neuer Netzwerke, die mit dem Begriff „Bildungslandschaft“ eine Metapher wählen, die die wechselseitige Abhängigkeit und das Zusammenwirken von Bildungsakteuren in einem begrenzten Raum und häufig für ein zeitlich begrenztes Vorhaben beschreibt. Ebenso organisch und oft unausgesprochen erscheint dabei die Ausrichtung der vielfältigen Akteure der Stadteilentwicklung und des Sozialraummanagements, der Bildungseinrichtungen und kommunalen Ämter, sozialen und kulturellen Einrichtungen sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen aller Art auf ein Leitbild nachhaltiger Entwicklung. Gemeinsame Grundlage ist i.d.R. auch ein progressives Bildungsverständnis, das Lernen als möglichst selbstgesteuerten Prozess versteht und einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, der davon ausgeht, dass Kinder und Jugendliche nicht ausschließlich durch formale Lernprozesse in Bildungs- oder Ausbildungseinrichtungen Kompetenzen erwerben.

Bildungslandschaften weisen Ähnlichkeiten mit bereits länger bestehenden Netzwerken und kommunalen Handlungskonzepten einer Lokalen Agenda 21 auf, unterscheiden sich aber in ihrer Genese und haben ein nur in Teilbereichen identisches Akteursspektrum. Impulse für solche Vernetzungen gibt es durch einen Trend zu Ganztagsschulen und die damit verbundene Neustrukturierung von außerunterrichtlichen Angeboten sowie durch den gesellschaftlichen Druck, bei größeren Bauvorhaben und Entwicklungsprojekten mehr Beteiligung zu ermöglichen. Neue Steuerungsmodelle haben dabei zum Ziel, Hindernisse des Ressort- und Zuständigkeitsdenkens zu überwinden.

Vorrangig geht es darum, Ungleichheiten in der Verteilung von Bildungschancen zu reduzieren sowie Inklusion und lebenslanges Lernen zu ermöglichen. Darüber hinaus bieten sich Kooperationsmöglichkeiten mit nahezu allen Initiativen nachhaltiger Entwicklung – von nachhaltigen Bauweisen und Beschaffungsmaßnahmen, gesunder ökologischer Ernährung mit Produkten aus der Region, nachhaltigen Schülerfirmen, dem Verkauf fair gehandelter Produkte und Projekten mit Partnerstädten bis zu internationalen Kulturkooperationen. Das Positionspapier des Nationalkomitees für die UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung „Zukunftsstrategie BNE 2015+“ macht die Unterstützung von Bildungslandschaften zu einem ihrer Schwerpunkte.

Hier besteht eine Erkundungsaufgabe für Organisationen des Globalen Lernens/der BNE, ob und wie man sich an diesen Strukturen aktiv beteiligen kann.

10. Wie bringen wir uns politisch wirkungsvoller ein?

Die Frage „Wie bringen wir uns politisch wirkungsvoller ein?“ impliziert, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung und Globales Lernen trotz wachsender Anerkennung noch nicht die politische Unterstützung erhalten, die für das propagierte Ziel einer nachhaltigen Entwicklung und einer globalen Entwicklungsagenda notwendig sind. Dabei geht es um das Grundverständnis, dass Bildung nicht nur besonderer Aufmerksamkeit bedarf für eine nachwachsende Generation und deren Qualifizierung für eine sich schnell entwickelnde Wirtschaft, sondern dass Inhalte und Lernprozesse mit dem globalen Wandel in allen Lebensbereichen Schritt halten müssen und jeden in jedem Lebensalter und jeder gesellschaftlichen Position zu selbstverantwortlichem zukunftsfähigem Handeln befähigen müssen.

Der Dialog mit Politikern sollte zur Partnerarbeit werden zwischen Lernenden, die vor grundsätzlich gleichen Herausforderungen stehen. Das wird dann leichter möglich sein, wenn es um die gleichen Themen geht. BNE und Globales Lernen können auf wichtigen Veranstaltungen, sehr viel mehr als bisher Bezüge zu tagesaktuellen politischen Themen herstellen und damit auch medienwirksamer werden.

Wichtiges Thema dieses auch öffentlich zu führenden Dialogs zwischen Zivilgesellschaft und Politik ist die Frage, wie die Distanzen und Widersprüche zwischen Global Governance und national geprägter Alltagspolitik verringert werden können – als Begleitdiskurs zur Verabschiedung und Umsetzung einer Post-2015 Agenda. Die künftige globale Entwicklungsagenda kann nicht nur zu einer sehr wichtigen Grundlage der Global Governance werden, sondern muss auch den Diskurs zwischen Zivilgesellschaft und Politik in kommunalen, Landes- und nationalen Kontexten prägen.
Es geht in dem gemeinsamen Dialog- und Lernprozess darum, wie kohärente Politik, die das Ziel der Zukunftsfähigkeit verfolgt, z.B. die stärkere Bindung von Märkten an Grundsätze der globalen Nachhaltigkeit und an Regeln, die dem Gemeinwohl dienen, mit möglichst breiter Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger erfolgreich betrieben werden kann.

9. Sind unsere Kompassnadeln von interkulturell auf transkulturell zu justieren?

Erweiterte Kommunikationsmöglichkeiten werfen verstärkt die Frage auf, wie im globalen Kontakt mit differenten Vorstellungen und der Vielfalt kultureller Hintergründe umgegangen werden sollte, um zu zukunftsfähigen Einsichten zu kommen. Angesichts zunehmender Migration und der haltungsbestimmenden Bedeutung kultureller Konzepte stellt sich die Frage, ob unsere kulturellen Kompassnadeln von interkulturell auf transkulturell neu zu justieren sind.

Dazu konstatiert Wolfgang Welsch in seinem Beitrag zum Handlexikon Globales Lernen:[1] „Wenn Bildung im Kern kulturelle Bildung ist, und wenn Kultur heute transkulturell bestimmt ist, dann muss zeitgenössische Bildung transkulturelle Bildung sein.“ Er stellt fest, dass die heutigen Kulturen mit dem von Herder vertretenen Kugelkonzept (in sich geschlossen um einen Schwerpunkt und abstoßend nach außen) nicht angemessen beschrieben werden können. Externe Vernetzung und interne Hybridisierung sowie umfassender Wandel aller Lebensbereiche auf individueller und gesellschaftlicher Ebene sind die Merkmale zeitgenössischer Transkulturalität. Bindungen von Kultur an staatliche und territoriale Gebilde verfolgen politische Ziele, erfolgen oft unbewusst und klischeehaft und werden tradiert. Sofern Interkulturalität nicht mehr die Beziehungen weitgehend autonomer und für Außenstehende fremdartiger Kulturen beschreibt, sondern auf die offensichtlichen Mischungen und Verbindungen hinweist, geht sie in das Konzept der Transkulturalität über.

 

Grundvoraussetzung für die erfolgreiche globale Kommunikation scheint (auch durch den Blick in die eigene Biografie) die Erfahrung der eigenen dynamischen Transkulturalität zu sein. Dabei geht es – wie häufig im Globalen Lernen – auch um die Wahrnehmung von Vielfalt und Differenzen, um das Ertragen von Komplexität, Widersprüchen und Ungewissheit und weniger um die Generalisierung des Gemeinsamen.
Da Konzepte geistige Produkte sind, die Zielen dienen, sollten wir uns gegen ein Kulturkonzept der Abgrenzung und für ein Konzept entscheiden, das es leichter macht, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen sowie Unterschiede wertschätzend und ohne reflexartige Abwehrhaltung erkennen lässt. Das darf nicht ausschließen, klare Positionen gegen Rassismus, Formen des Extremismus und gegen Terrorismus auf der Grundlage universeller Menschenrechte zu finden.

 

[1] W. Welsch: Transkulturalität und Bildung. In: Lang-Wojtasik, G. und Klemm, U. (Hrsg.): Handlexikon Globales Lernen, Münster/Ulm 2012

8. Wie kommen wir zu zukunftsfähigem Nutzungsverhalten in den globalen IT-Netzwerken?

Auf die Frage, wie sich NROs als Akteure der Global Governance einbringen können, gibt es durch den Einsatz der Kommunikationsmöglichkeiten des Web 2.0 im Zusammenhang mit politischen Ereignisse der letzten Jahre zahlreiche Antworten. Dabei scheint noch offen zu sein, wie Social Media über die weitgehend informelle und filterfreie Verbreitung von Bildern und Meldungen aller Art hinaus für formale und non-formale Lernprozesse genutzt werden können. Sie sind zugleich Instrument und Gegenstand des Globalen Lernens. Letzteres weil der globale Austausch von Daten für die meisten Nutzer nicht nur grenzenlos, sondern auch in seinen möglichen Folgen unübersehbar geworden ist. Die rasante Entwicklung der Informationstechnologie als Globalisierungsbeschleuniger hat Kommunikationsformen als Fundament gesellschaftlicher Prozesse in wenigen Jahrzehnten grundlegend verändert. Das betrifft nicht nur die technischen Möglichkeiten sondern auch Vorstellungen über Freiheit und Selbstbestimmung und die verzögerte öffentliche Wahrnehmung eines rechtlich äußerst fragwürdigen gigantischen Abgriffs von Daten über Grenzen hinweg. Der grenzenlose Austausch von Daten in (nahezu) Echtzeit ist zur Grundlage unternehmerischen Erfolgs geworden und hat zu einem gigantischen Kommerzialisierungsschub in vielen Lebensbereichen geführt.

Gleichzeitig hat das Internet das Potenzial, als Kommunikationsinstrument des Globalen Lernens Plattform zur Vernetzung und zum weltweiten Austausch sowie zum Erstellen und Verbreiten redaktioneller Inhalte zu werden. Social Media bieten für Handlungsmöglichkeiten und Engagement Einsatzfelder, die in der Bildungsarbeit bisher nur wenig im Blick waren. Handeln ist nicht mehr nur auf das reale Lebensumfeld beschränkt, sondern erfährt eine enorme Ausweitung. Durch welche Lernprozesse und pädagogische Unterstützung kann die Entwicklung eines nachhaltigen Nutzungsverhaltens ermöglicht werden?

7. Globales Lernen ohne Bildung für Alle? – Bildung für Alle ohne Globales Lernen?

Asit Datta und Gregor Lang-Wojtassik haben in der Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik (ZEP) die berechtigte Frage aufgeworfen „Globales Lernen ohne Bildung für alle?“[1] – ohne eine reale Umsetzung der Schulpflicht, ohne wirkungsvolle Alphabetisierung und Geschlechtergerechtigkeit, ohne eine ausreichende Zahl an Lehrkräften und Klassenzimmern, ohne Widerstand gegen Diskriminierung und Misshandlung, ohne selbstverständlichen Übergang in eine Sekundarbildung, ohne das in der Allgemeinen Erklärung der Menschrechte garantierte Recht auf Bildung und ohne ein deutliches Engagement gegen Bildungsbenachteiligung hierzulande. Haben Menschen, die von Transferleistungen abhängig sind, überhaupt ein Interesse an Fragen der nachhaltigen Entwicklung oder berührt das nur jene, die „über die finanziellen Möglichkeiten … verfügen, z.B. über den Kauf fair gehandelter Produkte im Globalen Norden einen Beitrag zu einer anderen Globalisierung zu leisten“?

Die Frage „Globales Lernen ohne Bildung für alle?“ sollte durch ihre Umkehr ergänzt werden: „Wollen wir eine Bildung für alle ohne Globales Lernen?“ Nachhaltige Entwicklung ist in der Bildung eher Orientierung als konkrete normative Vorgabe, und Bildung für nachhaltige Entwicklung bedeutet in jeder Lebenslage etwas anderes. Für viele Marginalisierte ist es selbstverständlich als Teil des täglichen Überlebens zukunftsfähig zu handeln. Globales Lernen/ BNE sind Qualitätsmerkmale von Bildung, die nicht einer bildungsaffinen Mittelschicht vorbehalten sind.

Globales Lernen ohne Bildung für Alle? – Bildung für Alle ohne Globales Lernen?Zwei rhetorische Fragen, die nicht grundsätzlich sondern mit dem Wie? zu beantworten sind. Die Post-2015 Agenda bietet die Möglichkeit, näher zu verbinden was in vielen Köpfen offensichtlich noch getrennt ist.

Es geht um eine integrative Bildungsstrategie. Globales Lernen /BNE haben sich in den letzten 10 Jahren als sehr wesentlich für die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung erwiesen. Lernprozesse im Rahmen der BNE sind als Wegbereiter für alle Bereiche und Leitbilddimensionen zukünftiger Entwicklung und für alle Akteure von grundlegender Bedeutung. Die Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) einer künftigen Globalen Entwicklungsagenda erfordert kohärente Lernstrategien. Neben der Integration von Globalem Lernen sowie des BNE-Weltaktionsprogramms in die Entwicklungsdimension „Soziales“ einer Post-2015 Agenda und entsprechender Indikatoren bedarf es eines übergreifenden Bewusstseins, dass erweiterte qualitative Bildungsziele Voraussetzung sind für einen breiten transformativen Prozess hin zu einer zukunftsfähigen Entwicklung. Dieses Bildungsverständnis muss einer künftigen Globalen Entwicklungsagenda zu Grunde liegen und in entsprechenden Dokumenten wirkungsvoll verankert werden.

 

[1] A. Datta, G. Lang-Wojtasik: Bildung für die Welt im Jahr 2050. ZEP 3/2013, S. 4-10

6. Friedenspädagogik als Lernprozess gegen Krieg, Terrorismus, Gewalt, Rassismus und Flucht?

Jeder gewaltsame Konflikt und Krieg ist ein Beleg dafür, dass unsere globalen Präventionsstra-tegien nicht funktionieren, dass politische Maßnahmen zu spät kommen und dass es kein ausreichendes öffentliches Bewusstsein für das Konfliktpotential gab, um rechtzeitig auf politische Entscheidungsträger einzuwirken. In unseren Entwicklungskonzepten kommt Krieg oft nur ansatzweise in seinen Ursachen vor und wird nur begrenzt in seiner verheerenden Wirkung auf Entwicklungsziele wahrgenommen. Umso erfreulicher ist es, dass in den fünf Leitideen der von den Vereinten Nationen für die Post-2015 Agenda vorgegebenen Leitideen „Frieden und verlässliche Institutionen“ Eingang finden.

Vom VENRO mitentwickelte Konzepte der BNE und des Globalen Lernens haben seit Beginn der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ein Leitbild der Nachhaltigkeit vertreten, das neben Ökonomie – Ökologie – Sozialem auch die Zieldimension der demokratischen Politikgestaltung enthält. Sie gilt es, bei der Analyse des globalen Wandels und der Bewertung von Entwicklungsvorhaben konsequenter in den Blick zu nehmen, um den in den Vereinten Nationen vereinbarten Grundsatz einer globalen Schutzverantwortung nachzukommen – allerdings möglichst weit im Vorfeld notwendiger militärischer Einsätze. Maßnahmen und Bildungsprogramme zur Konfliktprävention und zum Friedenserhalt, wie sie von der Menschenrechtsorganisation Peace Brigades International und anderen in Konfliktregionen durchgeführt werden, sind auch für das Globale Lernen in Friedensregionen wichtige Impulsgeber.

Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung ermittelte für 2013 mit 221 gewaltsamen Konflikten (von denen 20 als Kriege und 25 als begrenzte Kriege eingestuft werden) die höchste Zahl je beobachteter gewalttätiger Auseinandersetzungen. Die Abnahme zwischenstaatlicher Kriege wird durch die Zunahme innerstaatlicher und sogenannter Neuer Kriege übertroffen. Solche Konflikte machen nicht nur nachhaltige Entwicklung dauerhaft unmöglich, sondern sind auch wesentlich dafür verantwortlich, dass sich (nach Angaben des UNHCR) derzeit weltweit über 45 Millionen Menschen auf der Flucht befinden (Flüchtlinge und Binnenvertriebene) und dass sich die Lage in den meisten Auffangregionen verschärft.

Auch Konflikte scheinen sich im globalen Wandel zu beschleunigen und zu verschärfen. In einer globalisierten Welt sind grundsätzlich auch die Ursachen und die Verantwortung für gewaltsame Konflikte und Kriege eine Herausforderung für alle und das nicht nur als humanitäre Aufgabe. Gewiss, in sehr unterschiedlicher Weise, die nur selbstbestimmt durch grundlegende (informelle und formelle) Lernprozesse erschlossen und angenommen werden kann.

Die Zivilgesellschaft muss alle Möglichkeiten einer angemessenen Berücksichtigung von Gewaltprävention und Friedenssicherung in einer Post-2015 Agenda wahrnehmen. Die vorherrschende Tendenz, Kriegen und drohenden gewaltsamen Konflikten nicht multilateral sondern im Modus einflussreicher Großmächte zu begegnen sowie die noch sehr allgemeinen und unvollständigen Formulierungen entsprechender Post-2015 Agenda Ziele[1] verstärken den Eindruck der Dringlichkeit. Das gilt insbesondere auch für die Weiterentwicklung einer Global Gorvernance durch die Stärkung internationaler Institutionen.

 

[1] siehe Nr. 16 der SDG Ziele des Zero Draft der Open Working Group http://sustainabledevelopment.un.org/focussdgs.html

5. Von der Instabilität risikoreicher komplexer Systeme zu gesellschaftlicher Resilienz?

Komplexe, hochbeschleunigte Systeme sind auf kurzfristiges Wachstum ausgerichtet, risikoreich und höchst instabil. Sie können, wie im Extremfall der Immobilien- und Bankenkrise ab 2007, weitreichende Auswirkungen haben, agieren oft von der volkswirtschaftlichen Logik realer Märkte losgelöst, sind weniger reguliert und zeigen die höchsten Beschleunigungsraten. So platziert der automatisierte Handel von Wertpapieren Angebote und sucht sich Käufer im Millisekundentakt (flash trading).

Staatliche bzw. überstaatliche Kontrollmechanismen, wie sie noch unmittelbar nach dem Börsencrash von vielen Regierungen gefordert wurden, damit auf den Finanzmärkten sich nicht wiederholt, dass wenige Akteure die Existenz vieler Menschen gefährden, scheinen in kurzfristigen Strategien der Geldmarktpolitik und immer neuen politischen Herausforderungen unterzugehen.

Ob Akteure des Social Banking, die sich der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen, sowie eine „Demokratisierung“ web-gesteuerten Privatbankings von Anlegern, die ihre Geldgeschäfte lieber selbst in die Hand nehmen, Veränderungen in den exklusiven Finanzmarktstrukturen auslösen, erscheint wenig wahrscheinlich, zumal an den globalen Finanzmärkten private und staatliche Akteure eng miteinander verflochten sind. Diese komplexen Verflechtungen reichen tief in die reale Wirtschaft hinein und entziehen sich Kontrollen, die dem Risiko der Geschäfte angemessen wären.

Wie verwundbar oder resilient komplexe Systeme sind, lässt sich nur schwer sagen. Faktoren, die die Widerstandskraft gesellschaftlicher Systeme stärken, sind dagegen bekannt: Transparenz, Entschleunigung, Partizipation, Suffizienz, gehören i.d.R. dazu. Eine Gesellschaft, die in Sicherheit einen hohen Wert sieht, sollte dafür aufgeschlossen sein.

Sich in BNE und Globalem Lernen diesem Ungeheuer der Globalisierung zu stellen, wird vielen als Überforderung erscheinen und den Aufbau neuer Netzwerke notwendig machen.

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